Hintergrundwissen

Hebammen werden schon immer unangemessen bezahlt, trotz der hohen Verantwortung, die sie tragen.
Jetzt können sie von ihrer Arbeit nicht mehr leben.

Warum droht also eine Geburtshilfe ohne Hebammen? Mehrere Faktoren greifen ineinander:

Hebammenvergütung:

Die Vergütungssätze der Hebammen wurden bis 2007 vom Gesundheitsministerium festgesetzt, welches in 20 Jahren lediglich drei Erhöhungen für die Hebammen verhandelte. Seit 2007 sind die Hebammenverbände durch eine Gesetzesänderung (Neueinführung des §134 a SGB V) selbstständig für die Verhandlung ihrer Gebühren mit den Krankenkassen verantwortlich.Vor dem Übergang in die Selbstverwaltung wurde versäumt, die Hebammen auf ein angemessenes Vergütungsniveau anzuheben, sodaß bei späteren Vergütungsverhandlungen mit den Krankenkassen das Defizit nie ausgeglichen werden konnte aufgrund des Beitragstabilitätsgesetztes (siehe unten).

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Der Hebammenberuf ist weiblich:

Im Gesundheitssektor und im Bereich der freiberuflichen Dienstleistungen liegen die prozentualen Lohnunterschiede zwischen Männern und Frauen bei 33% und damit noch über dem durchschnittlich aktuellen Entgeltunterschied von 23 % (Quelle).
Viele Hebammen müssen als Mutter Beruf und Familie vereinbaren und können nur eine begrenzte Anzahl an Geburtsbegleitungen pro Jahr annehmen. Daher arbeiten viele Hebammen in so genannter Teilzeit. Die unbezahlte Rufbereitschaft beträgt trotzdem 24 Stunden an jedem Tag des Jahres. Die steigenden Haftpflichtprämien belasten diese Gruppe finanziell besonders stark. Seit Beginn 2010 haben 15-20% der geburtshilflich arbeitenden Hebammen ihre Tätigkeit eingestellt. Laut IGES-Studie hat sich dieser Trend fortgesetzt, boten 2010 noch 25%der freiberuflichen Hebammen Geburtshilfe an, sind es in 2012 nur noch 21%!

Haftpflichtversicherung:

Hebammen sind gesetzlich verpflichtet, ihre Berufstätigkeit durch eine Berufshaftpflichtversicherung abzusichern.
Trotz leicht rückläufiger Schadensfälle in der Geburtshilfe steigen die Kosten pro einzelnen Schadensfall drastisch an. Dazu zählen sowohl die Aufwendungen für die medizinische, pflegerische als auch die soziale Versorgung und lebenslange Einkommenssicherung der Geschädigten. Hohe Prozess- und Anwaltskosten kommen hinzu.
Der Anstieg dieser Kosten lässt die Haftpflichtprämien für alle in der Geburtshilfe Tätigen (Hebammen und Ärzte) in die Höhe schnellen. Daher kam es im Jahr 2010, ohne eine angepasste Steigerung der Hebammenvergütung, zu einem Anstieg der Haftpflichtprämien von 55.6%.

Die Entwicklung der Haftpflichtprämien:
1981 - 30,68 Euro
1992 - 178,95 Euro
2003 - 1352,56 Euro
2009 - 2370,48 Euro
2010 - 3689 Euro oder 4611,25 Euro (ohne bzw. mit Vorschaden)
ab Juli 2012 - 4242,45 Euro bzw. 5302,64 Euro (ohne bzw. mit Vorschaden)
2013 – seit Juli Anstieg für die Hebammen des BFHD um 10% auf 4.480 Euro

Unter "Wissenswertes" finden Sie eine Beitragstabelle der Haftpflichtbeiträge.

Entwicklung der Haftpflichtprämien
Entwicklung der Haftpflichtprämien

Was kostet eine Geburt?

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Regressansprüche der Krankenkassen:

Die Kranken- und Rentenkassen der Geschädigten (Mutter oder Kind) suchen bei teuren Behandlungsfällen Verursacher (Hebammen oder Ärzte), denen die Kosten für Behandlung und Einkommenssicherung in Rechnung gestellt werden können.
Bei einem Prozess gilt die Beweislastumkehr, d.h. die Beschuldigten müssen nachweisen, dass ein Schaden NICHT durch sie verursacht wurde. Für Frauen führt dies bereits in der Schwangerenvorsorge zu deutlich vermehrten Untersuchungen und medizinischen Interventionen [mehr erfahren...]. Die juristische Sicherheit für die Hebamme/den Geburtshelfer ist dabei nicht gleichbedeutend mit dem sichersten Weg für Mutter und Kind.

Zentralisierung des Gesundheitssystems:

Das Gesundheitssystem unterliegt wirtschaftlichen Gesichtspunkten. Kleinere geburtshilfliche (Beleg-)Abteilungen können nicht mehr kostendeckend arbeiten und müssen schließen. In der Geburtshilfe führt das zu einer immer schlechter werdenden Personalsituation in den Kliniken, die sich durch weniger Zeit für die individuelle Betreuung von Mutter und Kind direkt auswirkt.
Die Geburtshilfe wird in große, medizinische Zentren verlegt und orientiert sich an Risikogeburten. Von Frauen mit Geburtswehen müssen Anfahrtswege bis zu 100 km zur nächsten Geburtsklinik in Kauf genommen werden. [mehr erfahren...]

Auch die individuelle Betreuung durch Hebammen zuhause und im Geburtshaus ist nicht mehr flächendeckend gewährleistet.

Politik:

Die Hebammenverbände forderten seit Jahren die Aufnahme des Anspruchs auf umfassende Hebammenhilfe sowie die gesetzliche Verankerung von Geburtshäusern ins fünfte Sozialgesetzbuch. Als Grundlage für den Anspruch auf Hebammenhilfe galt für Jahrzehnte ein Gesetz aus dem Jahr 1911, die Reichsversicherungsordnung (RVO). Seit Ende 2012 sind die Hebammenleistungen nun endlich im SGB V verortet. Bei der Formulierung des neuen Gesetzestextes wurden neben dem alten RVO-Vorgaben auch die Richtlinien der Europäischen Union (EU) herangezogen, z.B.  Hebammenhilfe für den Säugling im Falle der Abwesenheit der Mutter (Adoption, Krankheit, Tod), die verbindlich die Kompetenzbereiche für Hebammen vorgeben. So wurde der Anspruch der Frau auf Schwangerenbetreuung so formuliert, dass die Hebamme gleichwertig neben dem Arzt steht. Auch der Anspruch der Frau auf die freie Wahl des Geburtsortes wurde klar verankert. Damit sind die Krankenkassen verpflichtet, diese Leistung flächendeckend für ihre Versicherte bereit zu halten.

Allerdings wurde leider noch immer nicht der Anspruch der Versicherten auf Gesundheitsförderung und Prävention durch Hebammenhilfe im Sozialgesetzbuch geregelt.

Lösungsansätze:

1. Anhebung der Vergütung von Hebammenleistungen entsprechend ihrer verantwortungsvollen Tätigkeit:
  • durch Aussetzung des Beitragsstabilitätsgesetzes
  • durch Vergütung der präventiven Leistungen von Hebammen
  • durch Vergütung der geleisteten Rufbereitschaft
2. Neustrukturierung des Haftungsproblems:
  • durch Gleichstellung kranker oder behinderter Menschen mit und ohne Schadensverursacher
  • durch Gesetzesänderung zur Regressthematik
  • durch Begrenzung der Schadenssummen
  • Einsetzen eines Haftpflichtfonds mit Einbindung der Krankenkassen
3. Verbesserung der Datenlage:
  • Finanzierung von Bedarfsanalyse der Bevölkerungsversorgung mit Hebammenhilfe
  • Datenerhebung zur aktuellen Einkommenssituation von Hebammen als Grundlage für Verhandlungen mit der GKV
  • Untersuchung der Auswirkungen von zentralisierter Geburtshilfe auf gesunde Mütter und Neugeborene (Risikoeinstufungen der Schwangeren, Interventionsraten, Kaiserschnittraten)
  • Aufnahme der auf dem Weg in die Klinik geborenen Kinder in die klinische Perinatalerhebung
  • Zusammenführung von Perinataldaten mit Neonataldaten
4. Fördermaßnahmen zur flächendeckenden Versorgung der Bevölkerung mit Hebammenhilfe:
  • Verbesserung der Einkommenssituation von Hebammen
    z.B. Berücksichtigung von Betriebskosten für Hebammenpraxen ohne Geburtshilfe, bisher wurde nur für HGE mit Geburtshilfe Pauschalen gezahlt, obwohl auch für den Tätigkeitsbereich vor und nach der Geburt bedarfsgerecht ausgestattete Räumlichkeiten notwendig sind.
    Denn Hebammen benötigen die Möglichkeit, die Kosten, die durch das Betreiben einer Praxis entstehen, aus ihren Einnahmen generieren zu können. Nur so kann eine flächendeckende Versorgung gesichert werden und  durch Vernetzung Synergieeffekte geschaffen werden. (Hinweis: Im Juni 2012 wurde die Betriebskostenpauschale der hebammengeleiteten Einrichtungen (HgE) zum 01.07.2012 von 550 € auf 700 € pro Geburt angehoben. Dies ist ein erster Schritt, der aber bei weitem noch nicht ausreichend ist. Warum lesen Sie hier.
  • finanzielle Anreize zur Niederlassung von Hebammen in infrastrukturschwachen Gebieten schaffen
  • Aufhebung der Vergütungsunterschiede in neuen und alten Bundesländern

(Hinweis: Im Juni 2012 wurde die Betriebskostenpauschale der hebammengeleiteten Einrichtungen (HgE) zum 01.07.2012 von 550 € auf 700 € pro Geburt angehoben. Dies ist ein erster Schritt, der aber bei weitem noch nicht ausreichend ist. Warum lesen Sie hier.

Quellen:
Umfangreiche Textauszüge aus der Resolution des Dt. Hebammenverbandes vom 20.11.2009
Graphik zur Entwicklung der Haftpflichtprämien, Bund freiberuflicher Hebammen Deutschlands
Wir bedanken uns herzlich bei beiden Verbänden.